Interview mit Boris Koch - Janika (Oktober 2013)

Boris Koch (c) privat
Boris Koch (c) privat

Feathergames: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen!

Sie haben bereits sowohl Romane als auch etliche Kurzgeschichten veröffentlicht. Ist Ihnen die Abwechslung zwischen beidem wichtig?

 

Boris Koch: Auf jeden Fall, Abwechslung ist für mich bei kreativer Tätigkeit essentiell, und das gilt nicht nur für die Länge einer Geschichte. Aber in erster Linie geht es beim Schreiben immer um die Geschichte an sich, und manche Ideen und Stoffe sind für eine kürzere Ausarbeitung geeignet, seien es zwei oder auch fünfzig Seiten, während andere den Platz eines ganzen Romans brauchen. Also ergeben sich die unterschiedlichen Längen zwangsweise.

Außerdem stehe bzw. sitze ich gern lesend auf der Bühne, und so entstehen viele kürzeren Texte bewusst für die Lesebühne Das StirnhirnhinterZimmer, wo eben nur selten Auszüge aus Romanen gelesen werden. Diese Texte können auch schon mal die Form eines Briefes oder eines Mini-Theaterstücks annehmen. Das noch ergänzend zum Thema Abwechslung …

 

Feathergames: Laut Ihrer Biographie haben Sie Ihren Zivildienst in einer Kinderpsychiatrie geleistet. Da macht man sicher so manche Erfahrung, die andere Leute nicht machen. Konnten Sie daraus auch etwas für Ihr Schreiben ziehen?

 

Boris Koch: Sehr vieles. Es sind ja die Themen, Beobachtungen und Erlebnisse, die einen packen, begeistern oder beuteln, wütend oder glücklich machen, die einem zum Schreiben animieren. Und vieles, was ich dort gesehen habe, hat mich mitgenommen. Diese Mischung aus helfen wollen und Ohnmacht, die schönen Momente mit den Kids und das Mitfühlen bei dem, was einige durchgemacht haben, auch die Reibereien mit ihnen, das war intensiv.

Die Zeit dort hat mich geprägt, und sie hat dazu beigetragen, dass ich immer wieder aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen schreibe. Über Außenseiter und solche, die die Regeln brechen, wenn man so will. Immer auch, um die Regeln infrage zu stellen oder sie den Figuren, mir und dem Leser bewusst zu machen. Das können Teenager sein, die im hier und jetzt die Asche ihres toten Freundes ausgraben, um ihm die gewünschte Seebestattung zu verschaffen, oder der Sohn einer Säuferin und Prügelknabe aller in einem Fantasydorf, der nicht die Voraussetzungen hat, um Drachenritter zu werden, und es dennoch versucht.

 

Feathergames: Sie leiten außerdem den Verlag „Medusenblut“. Ist es eher ein Vor- oder Nachteil, beide Seiten des Schreibens und Veröffentlichens zu kennen?

 

Boris Koch: Möglichst viel zu kennen und zu wissen, ist immer gut. Und ich habe ja auch jahrelang in der phantastischen Buchhandlung Otherland und als Redakteur beim Magazin Mephisto gearbeitet, also auch die Bereiche Handel und Presse kennengelernt. Zusammen hat mir das einen ordentlichen Überblick über die ganze Branche verschafft, es befriedigt meine Neugier. Es ist gut, wenn man verschiedene Seiten seiner eigenen Branche kennt, einfach um sie zu verstehen.

Auf das Schreiben selbst hat dies jedoch alles keine Auswirkung. Keine Romanszene wird besser oder schlechter, nur weil ich weiß, wie ich einen Titel im Verzeichnis lieferbarer Bücher melde oder wie ich Bücher remittiere. Das Einzige, das mir beim Schreiben wirklich weitergeholfen hat, war das Lektorieren. Ich musste mich intensiv mit fremden Texten beschäftigen, überlegen, warum der Autor das so oder so gemacht hat, und versuchen, den Text in Zusammenarbeit mit dem Autor besser zu machen. Wenn ich da über etwas stolpere, vermeide ich das möglichst auch bei den eigenen Geschichten. Und wenn mich etwas begeistert, kann ich ebenso davon lernen.

 

Feathergames: Wie würden Sie selbst ihre schreiberische Entwicklung in den letzten Jahren bewerten?

 

Boris Koch: Eigentlich mache ich mir darüber keine Gedanken. Ich hoffe, handwerklich besser zu werden, wie jeder, der sich länger mit etwas beschäftigt. Ansonsten zählt immer nur der aktuelle Text, das Thema, das mich gerade beschäftigt. Ich lese meine alten Bücher nicht, nur zwangsweise die Passagen und Erzählungen, die ich auf einer Lesung vortrage. Und das ist zu wenig, um eine Entwicklung richtig zu bewerten.

 

Feathergames: Ihre Veröffentlichungen sind ja in mehreren verschiedenen Verlagen erschienen. Gab es Probleme mit dem Zeitmanagement oder haben sich die einzelnen Abgabetermine, so vorhanden, eher ergänzt?

 

Boris Koch: Das Zeitmanagement ist vollkommen unabhängig von der Menge an Verlagen. Es geht nur darum, dass man die einzelnen Bücher so terminiert, dass sie sich nicht in die Quere kommen. Wenn also Verlag A fragt, ob ich das nächste Buch im Mai abgeben kann, und B, ob ich bis Juli mit einem Roman fertig werde, so darf ich nicht beiden blind zusagen, sondern muss vernünftige, realistische Abgabetermine ausmachen. Mit genug Luft für die Überarbeitung nach dem Lektorat, Krankheiten und andere ungeplante Unterbrechungen.

Schwerer einzuschätzen, finde ich eher die zusätzlichen Tätigkeiten, die parallel zum Romanschreiben anfallen: Hier eine Kurzgeschichte für eine Anthologie, da zwei Lesungen, dort ein Interview, usw.

 

Feathergames: Ihre Geschichten behandeln die unterschiedlichsten Themen. Wollen Sie Ihre Leser immer wieder überraschen?

 

Boris Koch: Wenn ich die Leser damit überraschen kann, ist das wunderbar. Wichtig ist aber vor allem, dass ich über das schreibe, was mich wirklich umtreibt oder was ich in dem Moment spannend oder vergnüglich finde. Würde ich mich ganz einem einzigen Thema oder nur einem einzigen Genre widmen, würde sich irgendwann eine gewisse Routine einstellen, dann bald Wiederholungen, und das will ich weder mir noch dem Leser antun. Neue Stoffe, Fragen, Motive, usw. dagegen fordern einen neu, was für mich einfach reizvoller ist als Routine.

 

Feathergames: Womit können wir in nächster Zeit von Ihnen rechnen?

 

Boris Koch: Nach Vier Beutel Asche schreibe ich gerade einen Roman für Jüngere, wieder nicht phantastisch aber schräg. Und dann habe ich noch einen kurzen Zombie-Comic getextet und eine unheimliche Erzählung für eine Kleinverlagsanthologie verfasst, die beide wohl in der ersten Hälfte 2014 erscheinen werden.

 

Feathergames: Haben Sie eine besondere Botschaft für Jungautoren?

 

Boris Koch: Keine besondere Botschaft, nein, etwas „Besonderes“ könnte ich nur an einen konkreten Menschen richten, den ich zumindest einigermaßen kenne. Also ganz allgemein, bestimmt schon hundertmal gehört, aber deswegen nicht falsch: Schaut euch in erster Linie die Welt an, eure nächste Umgebung oder ferne Länder, das ist egal, überall stecken Geschichten oder Details. Dazu kommen Nachrichten, Presse, Sachbücher, Dokumentationen. Lest die unterschiedlichsten Romane und Erzählungen, gern auch Theaterstücke, beobachtet, wie andere Autoren schreiben. Dann lasst euch von anderen Künsten inspirieren, von Filmen, Comics, Musik, Gemälden, einfach allem. Und erst danach schaut in einen Schreibratgeber, ob der euch helfen kann.

 

Feathergames: Leben Sie selbst nach einem gewissen Motto oder Prinzip?

 

Boris Koch: Nein. Sobald ich ein Motto oder Prinzip für mich gefunden hätte, würde ich mit kindischem Widerspruchsgeist sofort nach Situationen suchen, in denen es nicht passt. Einfach, um mir zu beweisen, dass das Leben zu kompliziert, spannend und variantenreich für eine einzige Wahrheit ist.

 

Feathergames: Wenn Sie für einen Tag mit jemandem aus der realen oder auch einer fiktiven Welt tauschen könnte, wer wäre das?

 

Boris Koch: Superman. Dann könnte ich mal eben schnell ins All fliegen und mir die Erde von oben ansehen, auf dem Rückweg kurz im ewigen Eis vorbeischauen (ohne Wintermantel), den Sonnenaufgang über Machu Picchu erleben und hätte immer noch dreiundzwanzig Stunden meines Tages übrig ...

 

Feathergames: Ich bedanke mich im Namen des gesamten Teams für Ihre Zeit und das Interview!

 

Boris Koch: Bitte, gern. Danke für Ihr Interesse.

 

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