Interview mit Ursula Dittmer - Janika (März 2012)

Fantasy-Autorin Ursula Dittmer
Fantasy-Autorin Ursula Dittmer

 

 

Feathergames: Hallo, Ursula, vielen Dank, dass Du dieses Interview mit uns machst!
Auf Deiner Website steht, dass Du durch zwei Freunde, Claudius und Ilja, zum Schreiben kamst. Hast Du zu den Beiden immer noch Kontakt?

 

Ursula Dittmer: Ja. selten zwar, aber wir sind immer noch befreundet. sie leben halt jetzt sehr weit weg von Würzburg, von daher bleiben nur Mail-Kontakte und Facebook.

 

Feathergames: Wie finden die Beiden es denn, dass Du mittlerweile mehrere Bücher veröffentlicht hast?

 

Ursula Dittmer: Cool! Sie lesen sie mit großem Interesse, sind ein wenig stolz auf mich, dass ich es tatsächlich geschafft habe, zu veröffentlichen. Band 1 habe ich den Beiden gewidmet.
Nach so langer Zeit erinnern sie sich auch gar nicht mehr an Einzelheiten ... und damals, als wir uns regelmäßig getroffen haben, war mein Schreibstil auch noch nicht so weit wie heute.

 

Feathergames: Helfen sie Dir manchmal noch, wenn‘s mal hakt?

 

Ursula Dittmer: Nein, das würde auch nichts bringen. Außerdem sind beide beruflich stark eingebunden.
Ilja schreibt ab und zu an einem Science-Fiction-Roman. Ich würde ihm wünschen, dass er das Werk ebenfalls irgendwann zu einem Ende bringt und veröffentlicht.
Claudius veranstaltet manchmal Live-Rollenspiele und Märchenabende ... so macht jeder sein eigenes Ding.
Irgendwie fehlen mir die Beiden trotzdem, denn ich habe jahrelang vor allem für unsere gemeinsamen Treffen geschrieben. Nun, da mich keiner mehr "treibt", bin ich faul geworden.
Es stecken noch sooo viele Geschichten in mir, die aber nicht herauskönnen, weil ich mich lieber mit anderen Sachen beschäftige. (grinsend) Facebook zum Beispiel!
An manchen Tagen denke ich mir: Wieder hast du einen ganzen Tag lang dein Talent verschleudert.

 

Feathergames: Schön, dass ihr alle euer Ding gefunden habt! Hilft Dir sonst jemand bei Problemen oder Motivationsschwierigkeiten?

 

Ursula Dittmer: Wenn ich an einem Problem kaue, dann frage ich durchaus mal in die BoD-Autoren-Runde oder im Autorenpool*.
Hier zu Hause wende ich mich manchmal an meinen Mann oder an einen der Kollegen vom Würzburger Stammtisch der Phantastik-Schaffenden.
Über einen Amazon-Thread habe ich zwei wertvolle Freundschaften geschlossen, mit den beiden kann ich mich auch prima austauschen; da stimmt die Chemie ...

Feathergames: Wir reden immer nur allgemein von deinen Werken, auf die Bücher selbst sind wir ja noch gar nicht gekommen. Von deinem Fasanthiola-Zyklus sind bislang 4 Bände erschienen. Hast du immer noch so viele Ideen wie zu Anfang?

 

Ursula Dittmer (zwinkert): den Fasanthiola-Zyklus werde ich mit Band 5 abschließen.
Ideentechnisch habe ich keine Probleme, denn bevor ich anfing, einen Band nach dem anderen zu veröffentlichen, hatte ich über 1000 A4-seiten (10pt-schrift) an Material. Der Roman ist inhaltlich fertig. Für jeden neuen Band der Reihe brauche ich trotzdem meist ein Jahr für die Überarbeitung. Mein eigener Anspruch an meine Arbeit ist gestiegen.
Ansonsten weiß ich, dass mich auch heute noch aus heiterem Himmel die Muse küssen kann - und dann wird eine Geschichte in einer Nacht heruntergeschrieben.
Hätte ich mehr Schreibdisziplin, dann wäre der neue (Fantasy-)Roman, welcher der Fasanthiola-Reihe folgen wird, bereits ein Stückchen weiter.

Feathergames: Also weißt du schon, was nach Fasanthiola kommen wird? Magst du uns mehr verraten?

 

Ursula Dittmer: Ich habe ein paar Fragmente in der Schublade ... aber am meisten reizt mich ein Thema, das mich vor Jahren mal sehr beschäftigt hat. Es könnte eine Mischung aus Fantasy- und Historien-Roman werden.
Ich habe bereits Recherchen zum Totenkult der Minoer betrieben. Die Minoer lebten im östlichen Mittelmeerraum, beispielsweise auf Kreta. Da ich Kreta sehr liebe und dort schon oft meine Urlaube verbracht habe, lag es nahe, vor Ort ein wenig Stimmungsbilder einzufangen. Knossos und andere Ausgrabungsstätten haben mich dabei sehr inspiriert.

 

Feathergames: In deinem Fasanthiola-Zyklus geht es ja auch um Drachen. Wie du weißt, schreibe ich ebenfalls über diese vielseitigen Wesen. Sind deine Drachen eher freundlich wie bei mir oder die bösen Kampfmaschinen, als die sie oft dargestellt werden?

 

Ursula Dittmer: Das Volk der fasanthiolischen Drachen ist eine hochintelligente Spezies. Sie sind friedlich, das waren sie selbst in Zeiten, in denen die Menschen versucht haben, sie auszurotten.
Sie gehen Verbindungen mit Menschen ein ... sie können mit ihren Partnern per Gedankensprache kommunizieren.
 
Feathergames: Also sind sie "zivilisiert"?

 

Ursula Dittmer: Zivilisiert. (lacht) Zivilisierter als die Menschen!

 

Feathergames (lacht ebenfalls): Da sind sich die fasanthiolischen und meine Drachen sehr ähnlich. Sicher, dass wir nicht zusammen schreiben wollen?

 

Ursula Dittmer: Und sie haben eine ganz eigene Philosophie, das schien mir wichtig. Sie haben sich quasi selbst geschrieben, sich mir in die Feder diktiert.
Hey, darüber lässt sich reden! Zusammen Geschichten erfinden macht unheimlich viel Spaß.
Herkon - so heißt der Drachenbruder meines Protagonisten Xander. Anfangs ist er ein neugieriger junger Drache, doch im Verlauf der Geschichte gewinnt er an Format. Rufath heißt die Drachin, die sein Ei gelegt hat. Sie ist die letzte der weißen Drachen Fasanthiolas, ausersehen, das magische "Erste Ei" der Drachen auszubrüten, wenn die Zeit gekommen ist. Rufath hält das Gleichgewicht zwischen den Welten, also zwischen Fasanthiola, unserer Welt und Palpa Adroni, der Drachenwelt.

Feathergames: Deine Figuren gewinnen also immer mehr an Charakter und Bedeutung?

 

Ursula Dittmer (grinst megafrech): Hm - mit der Frage kann ich nicht so viel anfangen, denn das ist ja eigentlich immer so in Büchern!

 

Feathergames (grinst): Oft sind Figuren ja die ganze Zeit durch Helden, manche Autoren arbeiten sie auch kaum aus, es gibt einfach keine Wandlung. Sie reisen durch ihre Geschichte, tun irgendwas und alle sind glücklich. ;-)

 

Ursula Dittmer: Sagen wir es so: Die meisten Charaktere gewinnen an Bedeutung - doch mancher Charakter ist nicht das, was er anfangs zu sein scheint.
Ooooh, mein Xander macht es dem Leser am anfang megaschwer! Er ist einfach nicht zum Helden geboren - ein richtiger Antiheld!
Denn wie du richtig sagst: Wer anfangs bereits ein Held ist, kann sich nicht mehr entwickeln. Und gerade das finde ich spannend. Dass der Leser oft mehr weiß, als der Protagonist, dass er sich an die Stirn fasst und meint: „Hee, du stehst aber auf der Leitung, Xander! Merkst du nicht, dass Alicea dich schon wieder nur manipulieren will?!"

 

Feathergames: Wirklich beeindruckend!
Nochmal zu deinen verschiedenen Welten: Es ist einfach bewundernswert, dass du drei Welten in einem Buch beschreiben kannst! Klar, die "Menschenwelt" gibt es in deinem Fall schon, aber wie lange hast du gebraucht, bis Fasanthiola und Palpa Adroni Gestalt angenommen hatten?

 

Ursula Dittmer: Band 1 bis 3 spielen vorwiegend in Fasanthiola und in unserer Welt. Band 4 spielt ausschließlich in Palpa Adroni, der unwirtlichen Drachenwelt.
Ich bin eine "Ausbreiterin", es fällt mir schwer, zu einem Ende zu kommen. Ich könnte niemals ein Buch am Schreibtisch entwerfen, den Plot vorher festlegen.
Und so schrieb ich - und schrieb - und schrieb ... ich hatte Palpa Adroni nicht geplant. Tsambilia, Xanders Geliebte, fällt eines Tages in einen komaähnlichen Zustand. Es ist klar, dass die Drachen damit zu tun haben.
Xander will seine Freundin retten. Rufath rät ihm, sie nach Palpa Adroni zu bringen, wo sich ihr Geist und Körper erneut zusammenfügen könnten. Also bringt Herkon Xander und die leblose Tsambilia nach Palpa Adroni.
Palpa Adroni knistert vor Magie. Xander, der seine eigene Magie gerade erst entdeckt hat, begeht einen Fehler nach dem anderen ...
Ja, wie gesagt, es ergibt sich so. Eine neue Welt erschafft sich selbst, wenn man einfach seiner inneren Stimme lauscht und schreibt und schreibt und schreibt, was sie einem eingibt.

 

Feathergames: Dann kennst Du garantiert auch das Gefühl, wenn man eine Idee für seine Figuren hat und sie sich dann doch selbstständig machen?

 

Ursula Dittmer: Ja, klar! Wie oft schon habe ich versucht, Xander umzuschreiben, ihn ein wenig - nun, tapferer? - zu machen. Aber es geht nicht. Er ist, wie er ist.
Und so sind die anderen Figuren auch. Sie drängen sich ins Bild und geben dem ganzen Gefüge einen Schubs in eine Richtung, und man sitzt als Autor da und überlegt, wie man die Geschichte aus dieser Ecke wieder herausbekommt.
Ich weiß nicht, woher das kommt, dass die Charaktere trotzdem authentisch sind. Vielleicht, weil Schreiberlinge ihre Mitmenschen genauer beobachten? Rückschlüsse ziehen, die im realen Leben gar nicht stimmen, aber dennoch einen wunderbaren Plot ergeben?

Feathergames: Ich bin auch überfragt ... es ist einfach ein Wunder ohne Erklärung ;-)
Für mich macht gerade DAS das Schreiben mit aus. Magst Du diesen Aspekt des Schreibens, oder könntest Du auch gut ohne ihn leben?

 

Ursula Dittmer (lacht): Neinnein. GENAU so muss es sein! Und deshalb schreibst Du über Drachen.
Janika schreibt einen Drachenroman ...
Ursula schreibt einen Drachenroman ...
Und weil beide verschiedene innere Impulse haben, sind die Plots und die Figuren völlig verschieden.
Sonst könnte man ja mit einem "Roman-Baukasten" arbeiten und die Protagonisten aus verschiedenen, vorgefertigten Bausteinen zusammensetzen.

Feathergames (begeistert): Oh man, Ursula, jetzt hast Du mich im Kern berührt!
Bevor ich jetzt vor Begeisterung gleich zu weinen beginne, lieber ein schneller Themenwechsel! Wo genau kann man überall mehr von Dir lesen?

 

Ursula Dittmer: Aktuell gibt es "nur" den Fasanthiola-Zyklus, meine Homepage ( www.fasanthiola.de ) und eine Facebook-Seite ( http://www.facebook.com/pages/Fantasy-aus-W%C3%BCrzburg-Autorin-Ursula-Dittmer/103881589651728 ).
Ich bin in einem Gesamtwerk mit einer Geschichte vertreten. In diesem Gesamtwerk haben alle Mitglieder unseres Stammtischs der Phantastik-Schaffenden Frankens mitgearbeitet.
Eigentlich sollte ich noch in einer Anthologie mit einer Geschichte erscheinen, doch die wird und wird nicht gedruckt.
Ich habe momentan neben dem Beruf genug mit Fasanthiola zu tun.

 

Feathergames: Stimmt, immerhin hast Du ja gerade erst eine Lesung gegeben. Der Rahmen war allerdings etwas anders, als viele Leser jetzt vermuten würden, stimmt’s?

 

Ursula Dittmer: Ja, das stimmt. Ich wurde eingeladen, im Rahmen einer Ausstellung zum Thema „Frauensache(n)“ zu lesen. Ein spannendes Experiment, das mir auf Anhieb gefallen hat. Ich durchforstete alle vier Bände und stellte ein Potpourri aus Szenen und Beschreibungen zusammen. „Eine Müllerin, eine Äbtissin, eine Heilerin - Frauengestalten aus Fasanthiola“ nannte ich die Veranstaltung.
Ich hatte mir nie zuvor bei einer Lesung ein Thema vorgegeben. Es ging mir immer nur um meinen Protagonisten, seine Aufgaben und Fasanthiola im Allgemeinen. Nun erlebte ich die von mir geschaffene Welt aus völlig neuen Blickwinkeln - das hat mich schwer beeindruckt. Ich sehe nun, wie viel kreatives Potenzial sich zwischen den Buchseiten verbirgt und nur darauf wartet, herausgelockt zu werden.
Die Vorbereitung hat mir viel Kopfzerbrechen bereitet: Wie erkläre ich Zuhörern, die den Fasanthiola-Zyklus nicht kennen, die Zusammenhänge, die zu den ausgewählten Frauengeschichten führten? Und wie gelingt es mir, in der Lesung trotz dieses speziellen Fokus Lust auf meine Romane zu erzeugen?
Also schrieb ich einige Erzählsequenzen, um die vier Geschichten miteinander zu verbinden und gleichzeitig das nötige Hintergrundwissen zu vermitteln.
Der Wechsel zwischen Erzählen und Lesen kam sehr gut an. Das Publikum ging wunderbar mit. Am Ende bekam ich viel Beifall und positive Rückmeldungen. Einige Tage später erschien eine Besprechung im Blog der Gemeinde (http://www.veitshoechheim-blog.de/article-ursula-dittmer-faszinierte-mit-ihren-frauengestalten-aus-fasanthiola-100233122.html) und am 03.03.’12 kam ein großer Bericht in unserer größten Lokalzeitung. Darauf bin ich sehr stolz. Vielleicht interessiert euch der Bericht?
http://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/Mal-einfuehlsam-mal-schreiend;art736,6648785

 

Feathergames: Wow, das ist echt beeindruckend, Glückwunsch dazu!
Hast Du noch eine abschließende Nachricht an unsere Fans?

 

Ursula Dittmer: Unserer Welt könnten ein paar Drachen nicht schaden. Lest euch in die Welt von Fasanthiola ein ... vielleicht wird auch unsere Welt dadurch ein wenig besser.
(flüstert leise) Oder ist das zu schmalzig?

 

Feathergames: Dann bedanke ich mich herzlich für dieses tolle Interview, es hat mir wirklich Spaß gemacht!

Ursula Dittmer: Mir auch, Janika! Es war so überhaupt nicht null-acht-fuffzehn! Ich habe zu danken.

 

 


* Der Autorenpool ist ein Forum des Druckdienstleisters „Books on Demand“, den Selbstverleger nutzen können. Die BoD-Autorengruppe gründete Janika, zunächst mit einigen Mitgliedern aus eben diesem Forum. Mittlerweile ist daraus ein kunterbunter Haufen von Schreiberlingen und Autoren geworden, die sich gegenseitig helfen, ohne die Anwesenheit von „Trollen“ nutzen zu müssen.

 

 

Fasanthiola 1-3
Fasanthiola 1-3