Interview mit Kirsten Boie - Janika (Juli 2012)

 

 

Feathergames: Gerade für Kinderbücher muss man ja besonders fantasievoll sein. Was inspiriert Sie besonders oft/stark?

  

Kirsten Boie: Die Realität! Allerdings schreibe ich dann nicht, was wirklich passiert ist, sondern stelle mir vor, was gewesen wäre, wenn es hier oder da anders gelaufen wäre.

 

Feathergames: Ihr Weg zum Schreiben bedeutete gleichzeitig, Ihren Beruf als Lehrerin aufgeben zu müssen - vermissen Sie diesen?

 

Kirsten Boie: Manchmal schon. Darum mache ich auch gerne Lesungen, die bedeuten ja auch einen Austausch mit Kindern und Jugendlichen.

 

Feathergames: Sie schreiben ja meistens von morgens bis mittags an Ihrem Schreibtisch. Gibt es einen Platz, an dem Sie noch lieber schreiben? Und hören Sie dabei gerne Musik oder Ähnliches?

 

Kirsten Boie: In der Planungsphase setze ich mich an den Esstisch und schreibe mit der Hand, das stammt noch aus der Zeit, als ich keine Arbeitszimmer und keinen Schreibtisch hatte. Und ich höre keine Musik beim Schreiben, dann kann ich mich nicht voll konzentrieren.

 

Feathergames: Haben Sie einen Autoren, dessen Werke Sie besonders gerne lesen?

 

Kirsten Boie: Als Kind Astrid Lindgren; Jugendbücher gab es in meiner Jugend noch kaum, da hatte ich also keinen Lieblingsautor (kurze Zeit, so zwischen elf und dreizehn, Karl May), inzwischen lese ich logischerweise am liebsten Literatur für Erwachsene und da wirklich alles Mögliche vom Krimi bis zu anspruchsvollen Romanen. Da habe ich also auch keinen Lieblingsautor, das wechselt.

 

Feathergames: Sie plotten Ihre Bücher vorher durch, auch wenn sie sich immer noch verändern. Gibt oder gab es auch Ausnahmen, wo Sie einfach drauflos geschrieben haben?

 

Kirsten Boie: Ja! Bei meinem ersten Buch „Paule ist ein Glücksgriff“ z.B. hatte ich nicht den Hauch einer Ahnung, wohin das alles führen sollte. Und alle Bücher, die stärker psychologisch als spannungsorientiert sind, entwickeln sich auch sehr viel freier als handlungsstarke Bücher mit Wendungen, twists and turns, bei denen ja jeder Schritt stimmen muss, damit man am richtigen Schluss ankommt.

 

Feathergames: Wie fühlt es sich an, berühmt zu sein? Können Sie überhaupt unterwegs gehen, ohne erkannt und angesprochen zu werden?

 

Kirsten Boie: So berühmt bin ich ja zum Glück nicht! (Und anfühlen tut es sich schon mal überhaupt nicht so.) Angesprochen werde ich höchstens mal in einer Buchhandlung. Ich bin ja kein Gesichtspromi – das stelle ich mir ganz fürchterlich vor!

 

Feathergames: Wie ist das für Sie, wenn ein neues Buch von Ihnen erscheint oder eines ausgezeichnet wird? Ihre Liste mit Auszeichnungen ist ja ziemlich, ziemlich lang, stellt sich da so etwas wie Gewöhnung ein?

 

Kirsten Boie: Nein, überhaupt nicht! Ich freue mich über jede gute Rezension, über jede freundliche Mail und über jede Auszeichnung sowieso, und ich habe auch noch immer bei jedem Buch Angst, dass es vielleicht in Wirklichkeit ziemlich schlecht ist.

 

Feathergames: Was machen Sie, wenn sie mal eine richtige Schreibblockade haben?

 

Kirsten Boie: Ich räume meinen Keller und die finsteren Ecken in meinem Arbeitszimmer auf, zupfe im Garten Unkraut und gehe lange spazieren. Aber das passiert zum Glück äußerst selten – mein Problem ist eher, dass ich schreiben möchte und nicht die Zeit dafür finde.

 

Feathergames: Von Ihnen sind ja mehrere Jugend- und ganz viele Kinderbücher erschienen. Denken Sie, dass eines von beiden leichter zu schreiben ist?

 

Kirsten Boie: Das ist sicher von Autor zu Autor unterschiedlich. Aber jugendliche Leser sind natürlich schon sehr viel anspruchsvoller und kritischer. Und was ist eigentlich genau ein Jugendbuch? Jugendliche lesen ja durchaus auch schon Bücher für Erwachsene, manchmal stöbern sie zwischendurch noch melancholisch in den Lieblingsbüchern ihrer Kindheit, eigentlich ist das die Zeit, in der man am Breitesten liest. Und außerdem werden ja viele Jugendbücher im Bereich von Fantasy oder Thriller ganz stark auch von Erwachsenen gelesen – sind das dann trotzdem Jugendbücher? Also, das ist schon ein ganz schwieriges Feld, finde ich!

 

Feathergames: Was halten Sie von jugendlichen Schreiberlingen? Können sie Ihrer Meinung nach mit dem Sprachstil der "Großen" mithalten?

 

Kirsten Boie: Ich glaube, es geht gar nicht so sehr um den Stil. Es geht auch um die Erfahrung, die hinter einem Buch steckt, und da sind Jugendliche, wenn sie für Jugendliche schreiben, logischerweise dichter dran als Erwachsene. Andererseits geht es auch um Durchhaltevermögen, viele Jugendliche fangen ja an, ein Buch zu schreiben, und verlieren dann mittendrin die Lust oder wissen nicht mehr weiter (so ist es mir früher regelmäßig gegangen). Aber warum sollten die Texte Jugendlicher, die viel gelesen haben und damit eine Menge Wissen über Bücher angehäuft, grundsätzlich schlechter sein als die Erwachsener? Einer der wichtigsten deutschen Dichter, Georg Büchner, hatte einiges, und nur Großartiges!, geschrieben, bevor er mit 23 gestorben ist.

 

Feathergames: Wie sehen Sie die Konkurrenzchancen von Klein- und Selbstverlagsbüchern im Vergleich zu Großverlägen?

 

Kirsten Boie: Kleinverlage haben manchmal wirklich Chancen, wenn sie die richtige Nische für ihre Bücher finden, da gibt es Beispiele. Druckkostenzuschussverlage dagegen haben ein anderes Geschäftsmodell als „normale“ Verlage: Der „normale“ Verlag verdient sein Geld mit den Buchkäufern (und zahlt dem Autor darum einen Vorschuss und bemüht sich darum, seine Bücher in Buchhandlungen unterzubringen), der Druckkostenzuschussverlag verdient am Autor (und verlangt darum von ihm einen Vorschuss). Druckkostenzuschussverlagsbücher wird man später kaum je in Buchhandlungen finden, weil der Verlag das Geld ja schon vom Autor bekommen hat. Bei Buchhändlern sind sie schlecht angesehen, weil die davon ausgehen, dass eben kein „richtiger“ Verlag das Buch wollte, diese Verlage haben im Regelfall auch nicht den gleichen Vertrieb (der dafür sorgt, dass die Bücher in die Buchhandlungen kommen) wie „normale“ Verlage. Mit Selbstverlagen wäre ich also ziemlich vorsichtig. Die Hoffnung, dass man sein Buch so zu den Lesern bringt, erfüllt sich nur sehr, sehr selten, dafür hat man aber dem Verlag viel Geld bezahlt.

 

Feathergames: Holen Sie sich bei jemandem Rat, wenn es beim Schreiben hakt, oder lassen Sie kleinere Ideen von jemandem beurteilen, bevor Sie sie einbauen und dem Verlag vorstellen?

 

Kirsten Boie: Ich bin da furchtbar leicht zu verunsichern; es gibt einige Manuskripte, die ich abgebrochen habe, weil Freunde meine geplante Handlung albern fanden. Darum spreche ich nicht mehr darüber, was ich gerade schreibe, bis ich fertig bin. Im Verlag gibt es dann ja immer noch die Lektorin, die den (dann aber wenigstens fertigen!) Text durchsieht, kritisiert und Vorschläge macht.

 

Feathergames: Wie stehen Ihre Familie, Freunde und Nachbarn dazu, eine prominente Autorin zu kennen?

 

Kirsten Boie: Die finden mich nicht prominent. Bei persönlichen Beziehungen spielen ja ganz andere Dinge eine Rolle: Ob man zuverlässig ist, ob man zusammen lachen kann, ob man bei Problemen gut zuhören kann, ob man hilft, wenn der andere seine Kinder mal kurz irgendwo „parken“ muss, um zum Arzt zu gehen; oder ob man Geschirr ausleiht, wenn in der Nachbarschaft gefeiert wird. Persönliche Beziehungen funktionieren auf die Dauer zum Glück nur darüber, wie man mit einander umgeht. Darum interessieren meine Kinder, Freunde und Nachbarn sich auch nicht sehr für meine Bücher.

 

Feathergames: Was halten Sie von eBooks?

 

Kirsten Boie: Grundsätzlich finde ich es egal, ob man seine Bücher auf Papier oder auf einem Reader liest (schon wegen der Größe: nicht bei Kunstbüchern! nicht bei Bildbänden! nicht bei wirklich guten Bilderbüchern!), ich tue beides. (Auf Reisen z.B. sind eBooks unglaublich praktisch). Allerdings müssen hier noch ganz, ganz viele (juristische) Fragen geklärt werden; dafür brauchen wir aber noch ein paar Jahre mehr Erfahrung.

 

Feathergames: Was sagt Ihr Adoptivsohn dazu, dass er der Auslöser zu Ihrer Autorenkarriere war?

 

Kirsten Boie: Das ist ihm vollkommen gleichgültig - s.o.!

 

Feathergames: Was machen Sie gern, wenn Sie gerade nicht schreiben?

 

Kirsten Boie: Lesen. Mit Freunden treffen. Musik hören. Filme gucken. Ins Theater gehen. Fahrrad fahren, einfach nur spazieren gehen. Kochen. All das würde ich gerne sehr viel mehr tun!

 

Feathergames: An welchem Buch arbeiten Sie gerade?

 

Kirsten Boie: S.o.: Darüber rede ich nicht.

 

Feathergames: Haben Sie noch eine abschließende Nachricht an die Feathergames-Fans?

 

Kirsten Boie: Schreiben ist großartig – genau wie Lesen. Solange man Spaß daran hat, sollte man unbedingt weitermachen: Es malen ja auch viele Menschen, ohne dass ihre Bilder in großen Galerien landen, oder sie machen Musik, ohne jemals öffentlich aufzutreten, einfach, weil es ihnen wichtig ist und sie das Gefühl haben, nicht ohne sein zu können. Sie tun es für sich. Und manchmal wird nach ein paar Jahren mehr daraus, das kann man in Voraus doch gar nicht wissen!

 

Feathergames: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben! Es hat Spaß gemacht!